Seit einigen Jahren schon gehört ein spät-herbstlicher Trip nach Prag zu unserem festen Reiseprogramm. Und dieses Jahr wollten wir endlich mal die schon öfters ins Auge gefassten Ausflüge ins Prager Umland in Angriff nehmen. Hierbei standen die Burg Karlstein und die alte Silberbergbau-Stadt Kutná Hora (aka Kuttenberg) auf dem Programm. Während Karlstein mir schon mehrmals auf dem Weg nach Prag (von Eger / Cheb kommend) aufgefallen war, kannte ich Kutná Hora bislang nur aus dem Michelin Reiseführer. In Prag selbst hatten wir nichts Besonderes geplant. Ein Besuch in der Oper ist für leidgeprüfte Kölner ja fast schon eine Selbstverständlichkeit und daneben wollten wir gerne die Ausstellung über die Moldau in den Reithallen der Prager Burg sehen. Ansonsten: Bier trinken, gut essen, den ein oder anderen Weihnachtsmarkt besuchen und einfach schlendern. Wozu sich Prag einfach perfekt eignet. An der Stelle vorweggenommen eine Literaturempfehlung fürs Herumbummeln durch Prag: Weihnachten in Prag von Jaroslav Rudiš. Allen, die die Liebe zur Bahnreise gepackt hat, ist Rudiš ja schon länger bekannt, aber auch als Begleiter durch die vorweihnachtliche Stadt an der Moldau kann ich ihn nur empfehlen.
Die Strecke
Hier muss ich sagen, dass ein Bild zwar oft mehr als tausend Worte sagen mag, es kann allerdings auch täuschen, bzw. einen falschen Eindruck erwecken. Und genau das ist hier der Fall, denn zwar sieht die mit der Deutschen Bahn, der České Dráhý und der Länderbahn gefahrene Strecke auf der Karte zunächst schön rund und problemlos aus, die Realität war denn aber, zumindest auf der Hinfahrt, leider deutlich wuseliger. Und das ist denn auch der Grund dafür, dass unsere visualisierte Reise so einen schönen Kreis bildet. Geplant war es nämlich anders. Aber mehr dazu im nächsten Abschnitt.

Fahrscheine – Irrungen und Wirrungen
Wie die Leser und Leserinnen unserer sizilianischen Abenteuer schon wissen, habe ich mir angewöhnt, meine Bahnreisen so früh wie möglich zu buchen. Und in der Tat habe ich für Hin- und Rückfahrt über Berlin günstige Preise bekommen. Da bei der DB Tickets bis zu einem Jahr im Voraus erhältlich sind, bei der České Dráhý allerdings nur bis zu vier Monate, musste ich mich zunächst mit der Teilstrecke Köln – Bad Schandau zufriedengeben. Diese habe ich denn auch zu (fast!) unschlagbar günstigen 41,98 € (2 Personen mit Bahncard 25) für die Hinfahrt und fast schon lächerlichen 29,98 € für die Rückfahrt bekommen. Gebucht wurde das Ganze schon Anfang Mai, also sieben Monate vor Fahrtantritt. Für die Teilstrecke von Bad Schandau nach Prag wollte ich die Karten dann später direkt bei der Tschechischen Eisenbahn buchen, für die ich eine InKarta 25 mein eigen nenne, also das tschechische Pendant zu unserer Bahncard 25. Für die Hinfahrt hat uns das 417 CZK (mit InKarta-Rabatt) bzw. 483 CZK gekostet, was in Summe 35,40 € entspricht. Also alles in allem unter 78 € für die Hinfahrt. Ein in der Tat sehr günstiger Preis für eine ca. 10-stündige Zugfahrt, was tatsächlich für eine frühe Buchung sprechen könnte.
Leider hatte ich die Rechnung ohne die Bauwut der Deutschen Bahn gemacht, was dann ausgerechnet Anfang Dezember zu Streckensperrungen und Zugausfällen zwischen Dresden und der tschechischen Grenze geführt hat. Natürlich wird in solchen Fällen die Zugbindung aufgehoben, es stellte sich allerdings die Frage, welchen Weg man denn alternativ wählen könnte, zumal unser Fahrziel nun mal nicht Bad Schandau war, sondern Prag. Zuerst hieß es dann, die jetzt überflüssige Fahrkarte von Bad Schandau nach Prag zurückzugeben (s. Kasten „Rückerstattung bei den tschechischen Eisenbahnen“).
Rückerstattung bei den tschechischen Eisenbahnen
České Dráhý – Tarifbestimmungen
Wie unser Beispiel zeigt, ist die Stornierung von Fahrkarten bei (fast) voller Rückerstattung des Fahrpreises bei der České Dráhý völlig unkompliziert: Einfach in der Můj vlak-App die fragliche Fahrkarte öffnen und ganz unten auf „Zurückgeben / ändern“ klicken. Im anschließenden Dialog dann den Grund auswählen und das war es schon. Ich war trotz des Studiums der einschlägigen Tarifbedingungen zunächst skeptisch, aber ein paar Tage später war das Geld auf meinem Konto. In der Tat scheinen die tschechischen Eisenbahnen bei der Rückgabe maximal viel kulanter zu sein als andere EVUs in Europa. Selbst beim tschechischen Pendant zu den deutschen Super-Spar-Preisen, dem First Minute Europe-Ticket, kann die Fahrkarte bis zu 24:00 Uhr am Vortag gegen fast volle Erstattung zurückgegeben werden. Lediglich eine Gebühr von aktuell 3,00 € fällt an. Bei inner-tschechischen Verbindungen ist die České Dráhý noch kulanter: Eine Stornierung ist bis zu 15 Minuten (!) vor Fahrtantritt bei voller Erstattung möglich.
Bitte beachtet, dass ich a) nicht alle Tarife prüfen konnte und b) Tarifbedingungen sich über die Jahre ändern können, aber zumindest in 2025 war das Verhalten wie beschrieben.
Wir haben längere Zeit geschwankt, welche Ausweich-Route wir nehmen sollten, zumal in der App der ČD noch Verbindungen ab Dresden nach Bad Schandau aufgeführt waren, u.a. der „Vánoční kometa“ (Weihnachtsstern), der in der Adventszeit Fans der deutschen Weihnachtsmärkte von den tschechischen Grenzstädten Ústí nad Labem und Děčín nach Dresden bringt. Schlussendlich haben wir herausbekommen, dass es ab Dresden einen Schienenersatzverkehr nach Ústí geben würde, der auch von den Zeiten her passen würde. In Ústí würde dann der ursprünglich avisierte EC 175 nach Prag auf uns warten. Und für die Fahrt nach Dresden hatten wir uns eine Verbindung mit Umstieg in Frankfurt ausgesucht.
Leider hat sich die Planung schon recht früh zerschlagen, da der ICE von Frankfurt nach Dresden bereits in Frankfurt-Süd mit technischen Problemen liegen blieb und wir ein weiteres Mal umdisponieren mussten. Hier zeigte sich nun Glanz und Elend des deutschen Eisenbahnwesens, denn auf Grund des dichten Netzes und der guten Verbindungen sind wir immer noch ans Ziel gekommen. Von Frankfurt-Süd haben wir es mit mehreren Umstiegen über Aschaffenburg und Nürnberg (hier hat es für einen Abstecher in die Markthallen gereicht, wo es ein sehr leckeres Zindorfer gab) schließlich bis Schwandorf geschafft, von wo uns der Alex („Die Länderbahn„) nach Prag bringen sollte. Wobei das letzte Stück auf Grund der sehr kurzen Umstiegszeit von 6 Minuten nochmal ein Aufreger werden sollte. Ein großes DANKESCHÖN an die Länderbahn, die mehrere Minuten auf uns gewartet hat. Ich vermute allerdings, dass das relativ regelmäßig vorkommt und schon eingeübt ist. Die nun noch fällige Fahrkarte ist dann noch einmal mit 47,40 € zu Buche geschlagen (wieder über die sehr gute App Můj vlak („Mein Zug“) der ČD gekauft). Insgesamt haben wir damit für die Hinfahrt rund 120 € bezahlt, da wir die vorab über České dráhy gebuchten Fahrten problemlos gegen volle Erstattung des Fahrpreises zurückgeben konnten. Lediglich die 31 € für die Strecke Dresden – Ústí waren weg. Immer noch ein annehmbarer Preis, aber irgendwie fühlte ich mich am Ende durch meine eigene Sparfuchserei etwas ausgetrickst. Allerdings vermute ich, dass der Fahrpreis bei späterer Buchung in ähnlicher Höhe fällig geworden wäre. Und immerhin bei der Rückfahrt hat sich die frühe Buchung voll ausgezahlt. Zu den bereits erwähnten 29,98 € kamen noch 33,16 € für die Strecke Prag – Bad Schandau (die am 13.12. wieder offen war), sodass wir hier insgesamt auf 63,14 € kamen. Hier hat sich die frühe Buchung auf jeden Fall voll gelohnt. Um ganz sicher zu gehen, haben wir noch Platzkarten gekauft, also nochmal 11 € obendrauf. Diese wären allerdings komplett unnötig gewesen, da insbesondere der ICE von Berlin nach Köln (ICE 554) auf der gesamten Strecke so gut wie leer war.
Prag im Winter
Irgendwie ist es Tradition geworden: Nach Prag fahren wir in der dunklen Jahreszeit. Bereits mein allererster Aufenthalt an der Moldau (im historischen Jahr 1989 nur wenige Tage nach Beginn der Samtenen Revolution) lag im November und aus dem Rhythmus bin ich offenbar nicht mehr raus gekommen. Obwohl Prag ein ganzes Stück weiter im Osten liegt unterscheidet sich das Wetter kaum von dem im Rheinland. Zumindest im Spätherbst: Temperaturen um den Nullpunkt, oft grau in grau, aber durchaus auch mal Sonne. Mit angemessener Kleidung kann man es gut aushalten. Und Dank der vielen Weihnachtsmärkte und der üppigen vorweihnachtlichen Beleuchtung läuft man auch nicht Gefahr, in Depressionen zu verfallen. Und zwischen Glühwein, Kaminkuchen (den sehr leckeren Trdelniks), Bier, Becherovka (ein extrem leckerer Kräuterschnaps aus Karlsbad) und üppigen Fleisch-Gerichten mit reichlich Knödelbeilage mag eigentlich gar kein Kältegefühl aufkommen.

Für die Fortbewegung innerhalb der Stadt gibt es – neben den eigenen Beinen – eigentlich keine ernstzunehmende Alternative zum Prager Verkehrsverbund PID (Pražská integrovaná doprava), dessen hervorragende App PID Lítačka zum Muss auf jeder Prag-Reise gehört. Vom Einzelticket für die Mittel- bis Kurzstrecke bis zum Jahresticket ist alles dabei. Und preislich spielen die PID in einer super-attraktiven Liga. Ein Monatsticket für die Altersklasse von 15 – 60 kostet 550 CZK (ca. 23 €), Senioren zwischen 60 und 64 sind mit 130 CZK (ca. 5,30 €) dabei und ab 65 fährt man komplett umsonst. Und dabei ist das Angebot in der Stadt absolut hervorragend. Drei Metrolinien erlauben eine schnelle Durchquerung und binden die Stadt ans Umland an, während die Stadt selbst insbesondere durch die zahlreichen Tramlinien erschlossen ist. Daneben fahren natürlich auch Busse, davon musste ich allerdings noch nie einen antesten. Bei einer so guten Abdeckung bleibt nicht mehr viel Strecke übrig zum Laufen. Es sei denn vielleicht auf der Prager Burg, da dort die Topologie Probleme macht. Aber sogar auf den Hausberg Petřín kommt man mit der – im Monatsticket inkludierten – Zahnradbahn. Zumindest, wenn sie nach abgeschlossenen Reparaturen voraussichtlich ab Frühjahr 2026 wieder fährt.
Das Nationalmuseum

Ein erstes Highlight kam direkt am Tag nach der Ankunft: Ein Folgebesuch im Nationalmuseum ganz oben am Wenzelsplatz. Bereits in 2024 waren wir dort ein erstes Mal gewesen und haben uns damals insbesondere das Gebäude selbst angeschaut. Zu dem es sogar einen eigenen Parcours mit Audioguide gibt! Wahrscheinlich der beste Weg, das Gebäude und seine wenn auch nicht allzu lange (erbaut 1891), dafür aber für die Tschechen umso bedeutsamere Geschichte kennenzulernen. Eine absolute Empfehlung!

Daneben gibt es eine große Zahl weiterer thematischer Dauerausstellungen, die durch zeitlich begrenzte Sonderausstellungen ergänzt werden. Im Eintrittspreis von (in 2025) 350 CZK sind übrigens sowohl Dauer- als auch Sonderausstellungen inbegriffen. 2024 hatten wir uns neben dem Gebäude noch die Ausstellung zur Evolution angeschaut und in 2025 dann die zur „Geschichte der tschechischen Länder„. Hier muss ich aber zugeben, dass es etwas viele Informationen waren, zu denen mir teilweise der Kontext fehlte. Da ich aber zu Weihnachten eine Geschichte Tschechiens1 bekommen habe, werde ich das im kommenden Jahr vertiefen 🙂
Und da wir hier sozusagen im Herzen der tschechischen Identität sind, kommt natürlich der (Bier-)Genuss auch nicht zu kurz. Und selbstverständlich nicht ohne kulturelle Akzente…
Das Bild vom Nationalmuseum am Anfang des Absatzes stammt übrigens nicht von mir, da die Fassade aktuell leider von einer fetten Baustelle verunstaltet wird. Vielleicht nächstes Jahr wieder… Umso attraktiver ist das Gebäude im Inneren mit seinem gewaltigen Treppenhaus – wo man sich eher in einer Oper oder einem Theater fühlt als in einem Museum – und seiner gläsernen Kuppel, die man ganz aus der Nähe bewundern darf. Plus natürlich die tollen Ausblicke über die gesamte Länge des Wenzelsplatzes.
Schlendern und Entdecken

Da die Prager Museen am Montag geschlossen sind, stand die Aktivität auf dem Programm, für die Prag sich eignet wie kaum eine andere Stadt: Bummeln, sich Treiben lassen und Schauen, was es so an Neuem zu entdecken gibt.
Da wir schon recht oft in Prag waren und die üblichen Highlights natürlich schon lange abgeklappert hatten, bin ich bei einer meiner Internet-Recherchen auf einen Podcast der internationalen Abteilung des tschechischen Rundfunks gestoßen: Prague off the beaten track von und mit Vít Pohanka. Insgesamt eine sehr hörenswerte Sendung, die in der Tat einige Juwelen aufzeigt, zu denen man sich als Feld-, Wald- und Wiesen-Tourist eher nicht verirrt. Viele dieser Sehenswürdigkeiten – Parks und landschaftliche Entdeckungen zum Beispiel – sind daher auch etwas außerhalb und wahrscheinlich eher für die wärmere Jahreszeit geeignet. Eine wollte ich mir allerdings unbedingt anschauen, die Žižkov Highline nämlich, von der es hieß:
„you can watch trains pass on one of the country’s main eastbound railway arteries“.
Genau mein Ding!
Auf dem Weg von der Bahnhaltestelle durch Žižkov kamen wir in der Tat durch einige sehr schöne Straßenzüge, die sicher auch eine intensivere Erkundung wert wären. Die Žižkov Highline selbst war dann allerdings eine Enttäuschung. Auf Grund des schmuddeligen Wetters der letzten Tage war der Pfad sehr schlammig. Und da auch noch mittendrin ein Müllhaufen lag, verging uns die Lust recht schnell. Definitiv „off the beaten track“, aber nicht unbedingt attraktiv. Schade. Vielleicht auch eher im Sommer zu erkunden?
Da wir nun schon in der Nähe des Prager Hauptbahnhofs waren, wollten wir einen Abstecher auf den größten Friedhof des Landes machen, den Wolschaner Friedhof (Olšanské hřbitovy). Dieser enthält im östlichen Teil den Neuen Jüdischen Friedhof, auf dem auch Franz Kafka begraben liegt. Kaum zu glauben, dass ich dort als deutscher Ro- und Germanist auch nach x Prag-Aufenthalten noch nicht gewesen war. Aber manchmal braucht es halt etwas länger.

Die Anfahrt gestaltete sich mit der Metrolinie A bis Želivského sehr leicht und war eine Sache von ein paar Minuten. Bei der Gelegenheit haben wir denn auch entdeckt, dass sich hier einer der größten ÖPNV-Hubs der Stadt befindet. Da zudem gebaut wurde, mussten wir uns erst einen Weg suchen, den wir schließlich durch einen Straßentunnel fanden. Entlang der Friedhofsmauer gibt es dann gleich mehrere Eingänge, diese waren allerdings alle verschlossen, sodass wir den eigentlich schon hinter uns liegenden Haupteingang nutzen mussten. Was mir übrigens sehr positiv auffiel war die Abwesenheit von Wachpersonal. In anderen europäischen Städten ist es ja leider wieder normal geworden, jüdische Einrichtungen schützen zu müssen. Hier war dagegen alles sehr friedlich.
Das Grab selbst war eher unspektakulär und sehr einfach gehalten. Allerdings zeugten zahlreiche Blumen davon, dass der Autor auch mehr als hundert Jahre nach seinem Tod noch über eine große Leserschaft verfügt. Der Grabstein ist übrigens im in Prag sehr verbreiteten kubistischen Stil gehalten, was vermutlich nicht jedem sofort ins Auge fallen dürfte, da dieser sehr dezent gehalten ist.
Bewegend waren auch die sehr zahlreichen weiteren Grabmäler, die einen Eindruck vom Reichtum jüdischen Lebens im Prag der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geben. Besonders berührend waren allerdings die Tafeln an der Außenwand, die an die in den Todeslagern ums Leben gekommenen Opfer des Rassenwahns der Nazis erinnern.
Nachdem wir an dem Tag schon ziemlich viel gelaufen waren, sollte es jetzt bei einem Stück Torte und einem Kaffee im Kubistencafé (!) Grand Café Orient (was zugegebenermaßen weniger nach Kubisten als nach Freimaurern klingt) und einem anschließenden Glühwein auf dem Altstädter Weihnachtsmarkt ruhiger zugehen. Am Abend stand dann noch ein Besuch in meinem Prager Lieblingslokal auf dem Programm, dem U Mariánského obrazu ganz in der Nähe des Fernsehturms in Žižkov.
Schlendern – Part II
Am nächsten Tag – einem Dienstag – stand eigentlich eine Ausstellung zur Moldau auf dem Programm. Dummerweise hatte ich hier die Reithalle der Prager Burg mit der Wallensteinschen verwechselt. Was mir übrigens erst einen Tag später auffiel… Wer rechnet auch damit, dass in ein und derselben Stadt gleich zwei ehemalige Reitschulen zu Museen umfunktioniert wurden? Und da wir letztes Jahr in der wunderbaren Ausstellung École de Paris: Artists from Bohemia and Interwar Paris eben in der Wallensteinschen Reitschule waren, war die mir halt als erste in den Sinn gekommen.
Statt des geplanten Ausstellungsbesuchs sind wir dann durch die Gärten des Fürstenberger Palais geschlendert, welche im Winter allerdings – trotz des super Wetters – etwas langweilig waren. Immerhin gab es neben tollen Blicken auf die Stadt leckeren Glühwein und eine Abkürzung zur Burg. Was uns sehr gelegen kam, da noch ein Ausflug zum Kloster Strahov geplant war, wo wir das wiedereröffnete Restaurant antesten wollten. Während wie dieses Mal mitten durch die Burg (Hradschin) spaziert sind, kann man auch die Tramlinien 22 oder 23 nehmen, die den Berg umrunden und sich sozusagen von hinten ans Kloster heran schmuggeln.

Kutná Hora

Am Mittwoch stand dann der erste Ausflug ins Prager Umland auf dem Programm. Es sollte nach Kutná Hora (Kuttenberg) gehen, einer Stadt, die vor allem für eine sehr spezielle Sehenswürdigkeit bekannt ist: Das Beinhaus von Sedlec. Daneben interessierten uns allerdings auch die Kathedrale der heiligen Barbara und Kuttenbergs Geschichte als eine der wichtigsten Silberabbaustätten im Mittelalter. Bei Joachim Bahlcke konnte ich im Nachgang denn auch nachlesen, dass hier im 14. Jahrhundert bis zu einem Drittel des europäischen Silbers abgebaut wurde2.
Von der ehemaligen Größe mitsamt dem Reichtum ist leider nicht viel übriggeblieben, da die Stadt in den kriegerischen Auseinandersetzungen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit von den Hussitenkriegen bis zum Dreißigjährigen Krieg mehrfach zerstört und fast komplett entvölkert wurde. Auch die Silbervorkommen waren irgendwann erschöpft, sodass die Stadt für Neuansiedlungen nur noch wenig attraktiv war.
Die Anfahrt zu den angepeilten Sehenswürdigkeiten war übrigens nicht ganz trivial, da Kutná Hora nicht nur über einen, sondern gleich drei Bahnhöfe verfügt. Von denen ausgerechnet der Hauptbahnhof (Kutná Hora hlavní nádraží) mehrere Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. Daneben gibt es noch die Bahnhöfe Kutná Hora Sedlec und Kutná Hora město, von denen jeweils das Beinhaus und das Stadtzentrum fußläufig erreichbar sind. Wir sind vom Prager Hauptbahnhof (hl.n.) zunächst mit dem Rychlík 889 „Slovácky expres“ nach Kolín gefahren und dort in den Schienenbus nach Kutná Hora umgestiegen. Sedlec ist übrigens ein Bedarfshalt, das heißt, der aussteigewillige Fahrgast muss auf einen roten Knopf drücken, um dies dem Bahnpersonal mitzuteilen. Die Hinweise darauf sind allerdings deutlich angebracht und das tschechische Bahnpersonal ist in der Regel sehr hilfreich. Bezahlt haben wir für die Tour 638 CZK, was ca. 26 € entspricht. Kutná Hora gehört übrigens noch zum Einzugsgebiet des Prager Verkehrsverbunds, es war mir allerdings zu kompliziert, mich mit einer möglichen Erweiterungsfahrkarte zu unserem bestehenden Monatsticket zu befassen, sodass ich bei der České Dráhy einfach den vollen Preis bezahlt habe.

Vom Bahnhof Sedlec waren es dann nur ein paar Minuten zu Fuß bis zum Beinhaus. Dieses ist entstanden, da der ursprüngliche Friedhof sich über die Jahre als zu klein für die große Zahl an Toten erwiesen hatte, die in der als besonders heilig geltenden Erde zur ewigen Ruhe gebettet werden wollten. Grund hierfür war die der Legende nach dort verstreute Erde aus dem Heiligen Grab in Jerusalem, was einen regelrechten Bestattungstourismus aus angrenzenden Gebieten ausgelöst hatte. Daneben waren natürlich die bereits angesprochenen Massaker ein Grund für den übermäßigen Reichtum an „Material“, an dem sich der skurrile Gestaltungswille eines namenlosen angeblich blinden Mönchs im 16. Jahrhundert und nach ihm derjenige eines František Rint im 19. Jahrhundert austoben konnte. Natürlich muss jeder für sich entscheiden, was davon zu halten ist, menschliche sterbliche Überreste zu Kronleuchtern und Wappen zu verarbeiten. Eindrucksvoll ist es auf jeden Fall. Und ob die heutige Praxis des ersatzlosen Abräumens besser ist, kann man sich zumindest einmal fragen. Erfreulicherweise hat bei den heute für die Kapelle Zuständigen eine gewisse Pietät Einzug gehalten, sodass das Fotografieren im Beinhaus verboten ist. Ich war übrigens sehr froh, in einer eher weniger touristischen Jahreszeit in Sedlec gewesen zu sein. Ansonsten ist die Lokation nämlich bei Touristen sehr beliebt, die gerne aus dem nahen Prag herangekarrt werden. Allein bei GetYourGuide finden sich schon zahlreiche Angebote.
Neben den etwas speziellen Sehenswürdigkeiten im Stadtteil Sedlec gab es in der Innenstadt glücklicherweise auch noch weniger makabre Sehenswürdigkeiten, insbesondere die sehr schöne, der heiligen Barbara geweihte, Kathedrale. Diese Patronin ist natürlich kein Zufall, da Barbara die Schutzheilige der Bergleute ist, denen Kutná Hora seinen einstigen Wohlstand verdankte.
Direkt neben der an einem Hügel erbauten Kathedrale gab es noch ein weiteres Highlight für mich als Freund eines leckeren Tropfens. Während Mähren mittlerweile wieder weithin für seine guten Weine bekannt ist, ist die alte Tradition des Weinbaus im böhmischen Landesteil sehr kryptisch und vom Ruf der Bierbrauer so gut wie überrollt. Daran, dass es diese Tradition gab und gibt, erinnert ein kleiner Weinberg direkt neben der Kathedrale. Wo auch – zumindest im Winter – Glühwein ausgeschenkt wird, sodass man sich mit Blick auf Kathedrale einerseits und Landschaft andererseits eine kleine Auszeit gönnen kann.

Auf die heilige Barbara sind wir übrigens auch noch an einem anderen Ort gestoßen. Neben dem berühmten Pilsner Bier (blond, untergärig, lecker) gibt es in Tschechien auch viele dunkle Biere, z.B. das sehr bekannte und auch im Ausland weit verbreitete Kozel. In Kutná Hora wurde dann aber die Černá Barbora (kurz + liebevoll auch Černá Bára genannt) serviert. Dieses stammt aus Ostrau (cz.: Ostrava, eine Stadt ebenfalls mit Bergarbeitertradition) vom anderen Ende des Landes. Aber bei dem Namen braucht man sich nicht wundern, dass es in einer Bergarbeiterstadt ausgeschenkt wird. Und da ich ganz allgemein dunkle Biere lieber mag als helle, hat der Tag damit für mich einen perfekten Abschluss gefunden:

Moldau-Ausstellung und Burg

Am Donnerstag sollte es endlich soweit sein und wir standen vor der richtigen Reitschule, um dort die Ausstellung VLTAVA slavná & splavná (Die Moldau – berühmt und schiffbar) zu sehen. Die Moldau ist international durch das gleichnamige Porträt aus Smetanas Musikzyklus Mein Vaterland (Ma Vlast) weltbekannt. Und in der Tat ist sie auch ein nicht wegzudenkender Teil der tschechischen Identität. Den meisten Deutschen dürfte sie allerdings nur von der Überquerung der Karlsbrücke bekannt sein. Den Rest des Flusses, der im Böhmerwald entspringt und 430 Kilometer später bei Mělník in die Elbe mündet, kennen außerhalb Tschechiens wahrscheinlich nur wenige. Grund genug, der Sache auf den Grund zu gehen.
Für mich begann das Rätsel schon beim Namen. Wie konnte man von Vltava auf Moldau kommen? Oder umgekehrt? Wie sich zeigte, hat der Name in beiden Sprachen tatsächlich eine gemeinsame Wurzel, die auf die altgermanische Bezeichnung wilt ahwa zurückgeht, also das wilde Wasser. Wobei man im zweiten Bestandteil das lateinische aqua wiederfindet, ein dezenter Hinweis auf die engen Verwandtschaften innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie.
Ein großer Teil der Ausstellung war der Moldau in ihrem Unterlauf gewidmet, so sie in Teilen noch ihre namengebende Wildheit bewahrt hat. Welche allerdings auf weiten Strecken im 20. Jahrhundert durch Staudämme gezähmt wurde, z.B. durch den Anfang der 50er Jahre errichteten Lipno-Stausee. Beide Aspekte des Flusses finden sich in der Ausstellung wieder, wobei ein Schwerpunkt auf den Abbildungen der Romantik und die Einbindung in die tschechische und europäische Märchen- und Sagenwelt mit ihren Nixen, Undinen, Wassermännern und sonstigen Zauberwesen liegt. Für uns sollte dies schon einen Tag später einen Widerhall beim Besuch der Oper finden, wo Dvořáks Rusalka gegeben wurde. Beeindruckend war allerdings auch die dann unter sozialistischen Vorzeichen stehende Visualisierung der gewaltigen Bauarbeiten an den Staudämmen (hier leider wegen noch bestehender Bildrechte nicht abbildbar).
Insgesamt eine schöne und teilweise beeindruckende Ausstellung zu einem in Deutschland leider nur anekdotenhaft bekannten Thema. Leider schließt sie schon am 4. Januar 2026 ihre Pforten, sodass Interessierte sich schon sehr beeilen müssen, um noch zum Zuge (🤣) zu kommen. Einen Ausstellungskatalog scheint es übrigens nicht zu geben, zumindest konnte ich keinen Hinweis darauf entdecken.

Nach dem Besuch der Ausstellung sind wir noch durch die Prager Burg gelaufen. Eine Route, auf der sich bei Bilderbuchwetter einige tolle Ausblicke boten. Selbstverständlich haben wir uns den Weg durch Aufenthalte in am Rande gelegenen Etablissements so angenehm wie möglich gestaltet 😉

Ausflug nach Karlstein und Oper

Am letzten Tag wollten wir uns beschäftigt halten, um nicht so sehr daran denken zu müssen, dass der Aufenthalt in Prag sich dem Ende zuneigte. Also ging es am Vormittag zunächst mit der České dráhy nach Karlstein. In einer guten halben Stunde brachte uns die tschechische Bahn von Prag-Smíchov die Berounka entlang nach Karlstein. Den dort auf Touristen wartenden Bus ließen wir stehen und begaben uns zu Fuß auf die ca. 30-minütige Wanderung. Das Wetter hatte sich leider über Nacht deutlich geändert und ein dichter, teilweise geradezu suppiger Dunst, verhinderte weitere Ausblicke. Welche sich natürlich ansonsten von der Burg aus durchaus geboten hätten. Andererseits hüllte der Dunst die Landschaft in eine fast schon mystische Atmosphäre. Was natürlich ganz gut zum Ausflug in die tschechische Mythologie am Abend passte.
Die Burg selbst ist relativ jungen Datums und wurde von Karl IV. erst 1348 als Schatzkammer für die böhmischen und die römisch-deutschen Kronjuwelen gegründet. Eine militärische Rolle spielte die Burg in den Hussitenkriegen im 15. und im Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Danach verfiel sie langsam, bis sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Auftrag des habsburgischen Kaiserhauses renoviert wurde. Die Habsburger stehen damit wohl in derselben Tradition, die weiter im Westen das preußische Haus Hohenzollern im Zuge der Rheinromantik gepackt hatte, welcher wir eine ganze Reihe renovierter Burgen am Rhein zu verdanken haben. Ohne dass ich dazu viel gelesen habe, würde ich hier den Versuch der großen Adelshäuser sehen, sich in der mit aller Gewalt anbrechenden Moderne der eigenen Wurzeln zu versichern und diese zu stabilisieren.
Im Winter ist die Burg leider sehr weitgehend geschlossen und überhaupt nur von Freitags bis Sonntags geöffnet. Und von den drei angebotenen Runden steht auch nur eine zur Verfügung, nämlich die durch die kaiserlichen Wohngemächer. Wer mehr sehen möchte, muss in der warmen Jahreszeit wiederkommen. Dann allerdings mit dem Risiko vor lauter Besuchern kaum noch etwas von der Burg zu Gesicht zu bekommen. Auf Nachfrage meinte unsere super freundliche Führerin – die außerdem hervorragend Englisch sprach -, dass die beste Zeit für eine Besichtigung wohl Mai / Juni und September seien: Die Burg ist komplett geöffnet und der Andrang hält sich in Grenzen.
Insgesamt hat mich das ganze Setting sehr an den Drachenfels zwischen Köln und Bonn erinnert. Viel Tourismus rund um altes Gemäuer, aber auf Grund der Top-Lage, der Geschichte und der Atmosphäre absolut empfehlenswert. Ein schöner Ausflug.
Am Abend des letzten Tages stand ein weiteres kulturelles Highlight auf dem Programm: Ein Besuch in der Prager Oper, diesmal im Volkstheater, dem Národní divadlo. Die Präzisierung ist übrigens notwendig, da Prag nicht nur über eine, sondern gleich drei Spielstätten für Opern verfügt: neben dem schon genannten Národní divadlo noch das Ständetheater (Stavovské divadlo) und die Staatsoper (Státní opera). Im Ständetheater wurden übrigens im 18. Jahrhundert mehrere Mozart-Opern uraufgeführt und im 19. hat Carl Maria von Weber dort als Direktor amtiert. Als Kölner kann einem da nur schwindlig (bzw. schlecht) werden.

Nach den früh-klassischen Werken der letzten Jahre, sollte es dieses Jahr etwas Spät-Romantisches werden, eine Aufführung der Rusalka nämlich, also eines der Hauptwerke von Antonín Dvořák, welches 1901 in Prag uraufgeführt wurde. Übrigens im selben Theater, in welchem wir nun das Stück 124 Jahre später sehen würden. Das ist für mich übrigens eines der absoluten Highlights in Prag: Die Omnipräsenz und Kontinuität der Geschichte durch die Jahrhunderte. Etwas, das man in Köln komplett vermisst, obwohl die Stadt als römische Gründung natürlich bedeutend älter ist als die Moldau-Metropole. Muss man auch erst einmal schaffen, liebe Stadtmütter und -väter…
Rusalka reiht sich mit ihrem Motiv in eine gesamteuropäische Tradition ein, die in Frankreich durch den Roman de Mélusine des Jean d’Arras und in Deutschland durch Fouqués Undine bekannt ist, aber wohl schon auf antike oder indoeuropäische Ursprünge zurückgeht. In Dvořáks Oper verliebt die Nixe Rusalka sich in einen sterblichen Prinzen und ist bereit als Preis für ihre Menschwerdung mit ihrer Stimme zu bezahlen. Wie es – nicht zuletzt aus dramaturgischen Gründen – nicht anders sein kann, wird das Ganze dem Prinzen irgendwann unheimlich und er beginnt, sich für eine durchreisende Prinzessin zu interessieren. Das tragische Ende ist vorprogrammiert. Während die Handlung selbst nicht vor Originalität strotzt, liegt das Besondere des Werkes darin, dass es geschickt europäische mit slawischen und tschechischen Motivbeiträgen verbindet. Und da Dvořák sich musikalisch sehr von der Volksmusik seiner Heimat inspirieren ließ, fiel das Werk auf einen extrem fruchtbaren Boden, der durch die „nationale Wiedergeburt seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorbereitet war. Insofern ist der Ort der Aufführung auch sicher kein Zufall gewesen.
Persönlich finde ich es sehr schade, dass ein Werk, welches sich so ausgiebig und deutlich sichtbar aus gesamteuropäischen Quellen speist, ausgerechnet in den Dienst eines wie auch immer bezeichneten Nationalismus gestellt werden musste. Wo doch jedem, der auch nur ein bisschen an der Oberfläche kratzt, auffallen musste – damals genauso wie heute – dass die europäische Kultur aus einem gemeinsamen und unteilbaren Erbe besteht, welches gerade die Schönheit und den Reichtum des alten Kontinents ausmacht…
Die Prager Rusalka werde ich auf jeden Fall als ein beeindruckendes Werk in einer mindestens ebenso beeindruckenden Aufführung in Erinnerung behalten. Eine Aufführung, die sich durch eine karg-nüchterne Ausstattung und den Verzicht auf regie-theatrale Sperenzchen auszeichnet. Absolut sehenswert. Und da das Stück zum Repertoire gehört auch sicher zukünftig immer wieder mal auf dem Programm3.
Unser diesjähriger Prag-Aufenthalt ging damit zu Ende. Am nächsten Tag würden uns tschechischer RegioJet und deutscher ICE komplett unauffällig und ohne großartige Verspätungen zurück an den Rhein bringen. Mit einer Gewissheit: Wir kommen wieder!