Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber trotz meiner rheinischen Herkunft kann ich mit Karneval so rein gar nichts anfangen. Von daher auch die in den letzten Jahren regelmäßige Karnevalsflucht: zuerst nach Nizza, dann nach Bologna und dieses Jahr dann nach Venedig. Wobei sich manch einer fragen mag, wieso denn um Himmels Willen in eine Stadt, die weltweit wie nur wenig andere für den – Karneval steht. Tja – irgendwie habe ich nicht lange genug nachgedacht. Und da meine bessere Hälfte gerne nach Venedig wollte, war der Entschluss schneller gefasst als der Kölsche „Alaaf!“ sagen kann…
Die Fahrt selber war unauffällig. Im besten Sinne! Alle Züge pünktlich, sauber und mit Speisewagen versehen. Und da wir die Strecke in den letzten Jahren oft gefahren sind – zuletzt auf dem Heimweg von Sizilien – gibt es da auch nicht wirklich viel zu erzählen. Außer natürlich, dass die Tour über den Brenner sich immer lohnt! Perfekt aufbereitete Infos zu dieser Strecke finden sich bei Marc Smith, dem Man in Seat 61: Munich to Italy via the Brenner Pass. Auch mit visuellen Eindrücken aus den Zügen und von der Strecke geizt Marc nicht. Also unbedingt lesen! Nur ein Tipp vielleicht von mir: Wir hatten auf Hin- und Rückfahrt im RailJet der ÖBB wirklich miese Plätze, was die Aussicht angeht. Auf der Hinfahrt die Plätze 71 und 72 im Wagen 264 und auf der Rückfahrt die Plätze 93 und 94 im selben Wagen. Unbedingt vermeiden, wenn es geht! Leider wurden die Plätze im DB-Navigator automatisch zugeteilt. Die einzige App, in der ich einen Sitzplan für die Buchung finden konnte, war die der ÖBB. Bei Raileurope konnten zumindest rudimentäre Angaben gemacht werden (Großraum, Abteil, Großraum mit Tisch). Dort würde ich die Option „mit Tisch“ empfehlen, damit sollte man es zumindest vermeiden können, so wie wir wie die Sardinen ohne Aussicht eingequetscht zu sein (ja, liebe Railjet-Konstrukteure, genauso besch*** war die Erfahrung in dieser speziellen Hinsicht!).

Nun ja, sorry für diesen Ausbruch 😮 Insgesamt war die Fahrt aber auch mit dieser Einschränkung richtig gut! Und vor allem: Man fährt Zug! Und das Wiener Schnitzel im DoN’s Speisewagen war wie immer – lecker!
In Venedig waren wir etwas am Rande untergebracht und zwar auf der Insel Tronchetto, auf der die Fähren von und nach Mestre und zum Lido ankommen. Die Insel ist besonders interessant für alle, die, warum auch immer, mit dem Auto anreisen wollen. Von daher ist die Insel v.a. ein großer Parkplatz. Aber da wir dort eh nur zum Schlafen waren und der Vaporetto nur 3 – 4 Minuten vom Hotel entfernt war, konnte uns das nicht weiter stören.
Wettermäßig hatten wir so ziemlich alles auf dem Programm, was ein venezianischer Winter zu bieten hat: Nebel, Regen, Sonne. Und zwar jeweils einen ganzen Tag lang. An den ersten beiden Tagen haben wir die Venediger Stadtteile Cannaregio (im Norden) und Dorsoduro (südlich und westlich des Canale Grande) im Rahmen einer Free Walking Tour erwandert. Von denen haben wir mittlerweile schon einige mitgemacht und die beiden in Venedig gehörten definitiv mit zu den besten! Zwei junge Frauen – Maria Laura und Annachiara – haben uns mit viel Kompetenz und Spaß an der Sache durch die Stadt geführt. Und da das Wetter nicht wirklich top war, waren die Gruppen an beiden Tagen sehr klein. Ideale Voraussetzungen, um so einiges über die Stadt zu erfahren. Absolute Empfehlung:
- The Venice only the locals know! (northern Venice)
- The unexpected Venice! Dorsoduro district & Zattere (southern Venice)
Und obwohl der Karneval nicht der Grund für unsere Reise war, konnten wir ihm natürlich nicht komplett aus dem Weg gehen. Und gerade am ersten Tag, als die Stadt um uns herum im Nebel versunken war, konnten wir ein sehr stimmungsvolles Foto an der Punta della Dogana machen:

Von dieser Stelle aus hat man normalerweise einen direkten Blick auf den Markusplatz und den Dogenpalast. So war alles im Nebel versunken und bekam dadurch eine sehr stimmungsvolle und geheimnisvolle Aura. Und auch die Gondeln bekamen durch den Nebel noch einmal einen extra Kick:

Am nächsten Tag war zwar der Nebel weg, dafür hat es dann aber geregnet und zwar teilweise in Strömen. Immerhin war der Blick auf den Markusplatz mitsamt Dom und Dogenpalast frei geworden:

Im Rahmen unserer Tour konnten wir auch einen Blick in die berühmte Basilika Santa Maria della Salute werfen. Errichtet wurde sie aus Dankbarkeit für das Ende der großen Pestepidemie 1630. Ähnlich wie im Aachener Dom hat die Kirche einen achteckigen Grundriss, was sich bis in die Kuppel und die Fenster fortsetzt. Wobei die Zahl „8“ wohl für das ewige Leben stehen soll. Was im Kontext der überstandenen Pest durchaus sinnvoll erscheint. Und während in Venedig sonst gerne und lange im gotischen Stil gebaut wurde, war Santa Maria della Salute der erste barocke Kirchenbau. Das berühmteste Einrichtungsstück ist der Altar mit den Allegorien Venedigs (links von der Jungfrau Maria) und der Pest (auf der Flucht am rechten Rand des Altars). Unterhalb der Figurengruppe befindet sich die aus Kreta nach Venedig gebrachte Panagia Mesopantitissa, eine byzantinische Ikone aus dem 12. Jahrhundert. Ein schönes Beispiel für die Bedeutung, die Venedig für den östlichen Mittelmeerraum hatte, insbesondere nach dem Fall Konstantinopels als Tor des byzantinischen Erbes in den Westen.

Zwei bedeutende in der Kirche aufbewahrte Gemälde von Tizian und Tintoretto konnten wir leider nicht sehen, da die Sakristei trotz gegenteiliger Ankündigung geschlossen war.
Ein weiteres Highlight im Dorsoduro findet sich auf der anderen Seite der Insel, den Zettere, von wo man auch einen wunderbaren Blick auf die Giudecca hat. Zettere bedeutet soviel wie Flöße, was einen interessanten Blick in die Geschichte der Stadt erlaubt, die von einem immensen Bedarf an einem ganz bestimmten Rohstoff geprägt ist – Holz. Wie man weiß ist Venedig auf unzähligen hölzernen Pfählen erbaut. Dazu kommt der massive Bedarf der Werften für die gigantische Kriegs- und Handelsflotte. Die dafür nötigen Bäume wurden in den Dolomiten geschlagen und anschließend über den Piove und dann das Meer nach Venedig verfrachtet. Und zum Transport wurden die Stämme zu gewaltigen Flößen zusammengesetzt. Welche dann an den Zattere angelandet wurden. Aufgrund des tollen Panoramas hat der Ort über die Jahrhunderte einige Anziehung ausgeübt, auch auf prominente Besucher und Bewohner wie John Ruskin oder Ezra Pound, der seinen dritten Canto mit einem Eindruck von den Zattere eröffnet:
I sat on the Dogana’s steps For the gondolas cost too much, that year…
Einen großen Teil seines Lebens hat Pound tatsächlich auch ganz in der Nähe verbracht, nämlich in der Calle Querini 252, wo die Venediger Stadtverwaltung eine Inschrift angebracht hat:
Ezra Pound
Titano della Poesia
Questa Casa Abitó per Mezzo Secolo
Comune di Venezia1
„Ezra Pound, Titan der Poesie, hat dieses Haus für ein halbes Jahrhundert bewohnt. Die Gemeinde Venedig.“

Ganz in der Nähe, nämlich an der Fondamenta Zattere Ai Gesuati, hat einige Jahrzehnte früher sein nicht-ganz-Zeitgenosse, John Ruskin, Autor des monumentalen kunsthistorischen Essays The Stones of Venice, gewohnt:
„John Ruskin wohnte in diesem Haus (1877).
Priester der Kunst, hat er in unseren Steinen, in unserem San Marco, in beinahe jedem Denkmal Italiens, sowohl nach der Seele des Künstlers als auch nach der des Volkes gesucht.
Jeder Marmor, jede Bronze, jede Leinwand hat ihm verkündet, dass Schönheit Religion ist, wenn die Tugend des Menschen sie erschafft und die Verehrung des Volks sie empfängt.“
Große, wenn nicht monumentale und fast schon ein wenig kitschige Worte. Davon sollte sich allerdings niemand abhalten lassen, einen Blick in Stones of Venice zu werfen, dessen kunstgeschichtliche Bedeutung eigentlich gar nicht überschätzt werden kann. Das wahrscheinlich bedeutendste Werk, das von dem Einfluss dieses Essays zeugt, dürfte Prousts Recherche sein, in der man Ruskins Einfluss auf Schritt und Tritt begegnet.
Am dritten und letzten Tag kam dann nach Nebel und Regen die Sonne an die Reihe, und ein Hauch von Frühling ließ sich spüren. Für diesen Tag hatten wir einen Ausflug auf die etwas weiter entfernten Inseln vorgesehen. Es wurde dann Burano, wo wir dann allerdings gerade mal genug Zeit verbracht haben, um ein paar Proben der zwar unverschämt teuren aber auch wahnsinnig leckeren Kekse zu kaufen. Ursache dieses stark abgekürzten Aufenthalts war eine ausgedehnte Mittagspause auf der direkt angrenzenden Insel Mazzorbo, die mit Burano über eine Holzbrücke verbunden ist. Und wieder einmal war es mein Guide Vert (ich weiß, heute heißt er „Guide voyage & Cultures“, aber das Grüne ist für mich so ikonisch geworden, dass ich daran festhalte), der mich im Kapitel „Les îles de la lagune“ auf eine tolle Fährte gebracht hat, die uns auf das Inselchen Mazzorbo führen sollte, auf der das Projekt Venissa ansässig ist. Bei der Gelegenheit habe ich erfahren, dass der venezianische Weinbau nach der großen Flut 1966 zum Erliegen gekommen ist, bis Gianluca Bisol auf Torcello einen kleinen, übrig gebliebenen Weinberg entdeckte, in dem noch Pflanzen der verloren geglaubten Traube Dorona di Venezia erhalten waren. Diese Traube wurde dann in Mazzorbo angebaut, wo heute ein gar nicht mehr ganz so kleiner Weinberg existiert, dessen Erzeugnisse man direkt vor Ort verkosten kann. Die Preise sind stolz – 10 bis 35 € pro Glas – aber es ist schon ein eigenes Gefühl, dort quasi mitten in der Lagune zu sitzen und einen fast verloren gegangenen Wein zu schlabbern.

Nach dem Aufenthalt in der relativen Abgeschiedenheit auf Mazzorbo ging es dann allerdings zurück in den Trubel der Stadt, wo mittlerweile der Karneval tobte, wenn auch konzentriert auf einige Stellen. Eine davon war das Restaurant, in dem wir den letzten Abend verbringen wollten, und dessen Name perfekt dazu passte: Paradiso perduto, das verlorene Paradies. Den Tipp hatten wir von einer unserer Führerinnen erhalten und dieser war wirklich Gold wert, haben wir doch ein paar der schönsten Stunden dieser Reise dort bei einer leckeren – und sehr günstigen! – Flasche Prosecco und einem Vorspeisenteller von köstlichem Meeresgetier beziehungsweise eingelegtem Gemüse verbracht.
Danach kam nicht mehr viel außer einer, dank eines längeren Aufenthalts in Verona, ca. 15-stündigen (!) Rückreise. Allerdings wollte ich noch ein paar Worte zum venezianischen ÖPNV loswerden.
ÖPNV in Venedig – der Vaporetto
Wie bekannt, ist das Haupttransportmittel in Venedig der Vaporetto, eine Art Wasserbus. Und wenn mich eines wirklich erstaunt hat, dann die Mühe, mit der ein eigentlich simpler Vorgang so kompliziert dargestellt wird, dass der Feld-, Wald- und Wiesentourist kaum noch weiß, woran er ist. Mein Tipp: Einen großen Bogen um Carta Unica & Co. machen und, vor Ort angekommen (idealerweise am Bahnhof Santa Lucia), direkt zu einem der zahlreich vorhandenen Automaten gehen, die man an sehr vielen Haltestellen / Anlegern findet, z.B. direkt vor dem Hauptbahnhof. Dort angekommen stellt man den Automaten auf die gewünschte Sprache ein und ordert das gewünschte Ticket (Tipp: Ein- oder Mehr-Tages-Ticket bevorzugen), welches man mit Karte oder bar bezahlen kann. Anschließend Ticket am Anleger entwerten und losfahren. Absolut simpel und banal, so wie es sein soll! Es ist absolut nicht notwendig, eine Karte per App oder Web im Voraus zu erwerben, zumal man sich diese dann am selben Automaten mittels Code abholen müsste.
Die offizielle App der Venezianer Verkehrsbetriebe AVM Venezia ist übrigens viel zu kompliziert, erfordert die Einrichtung eines Kontos und hilft bei der Verbindungssuche nicht wirklich weiter. Also auch hier: Finger weg! Die App, die man wirklich braucht, wird lustigerweise so gut wie nirgends erwähnt. Und wieder war es ein Tipp unserer freundlichen Guides, der weitergeholfen hat: Besorgt Euch die App Chebateao ? von Marco Ziliotto und alles wird gut. Einzelne Verbindungen und Linienpläne sind vorhanden und machen die Navigation zum Kinderspiel. Wir haben uns für unseren 4-tägigen Aufenthalt eine 7-Tages-Karte zu 65 € angeschafft und konnten damit kreuz und quer durch die Lagune preschen. Gut angelegtes Geld! Und vor der Abfahrt haben wir die verbleibenden Resttage einem frisch angekommenen Pärchen geschenkt.
An dieser Stelle bleibt mir nur noch – neben den Bildern zur Illustration des oben zum ÖPNV Gesagten – allen zukünftigen Venedig-Reisenden eine tolle Zeit zu wünschen!



- Zitiert nach: Charles M Durante, Ciao, Venezia Part 4, 28th July 2021 ↩︎